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Werzborre

Die Werzborre in Nieder-Roden

Ein Beitrag von Ulrich Biebel (Mitglied des AKHNR)

Sumpf-Schafgarben-Blüte
Blüten einer Sumpf-Schafgarbe,
der „weißen Rafohne.“
© U.Biebel

Die Pflanzen im Nieder-Röder Werzborre sind die Folgenden:

(alphabetisch und in ihrer lokalen Bezeichnung)

  1. Blutsknopf
  2. Blutskraut
  3. Eisenkraut
  4. Elisabethenstroh
  5. Gelbe Rafohne
  6. Halsgespinskraut
  7. Halwegaul
  8. Hartehaad (Johanniskraut)
  9. Liebstängel
  10. Osterlazeie
  11. Weiße Rafohne
  12. Wermut

Einleitung

(Die vollständige Seite zu den Nieder-Röder Werzborre inklusive vieler weiterführender Links finden Sie hier: http://werzborre.de.)

Alteingesessene Nieder-Röder und Nieder-Röderinnen erinnern sich noch gut an die Zeiten in ihrer Jugend, als das Sammeln der Werzborre im Hochsommer eine Pflicht und auch eine große Freude war. Es war Ehrensache, alle 12 Kräuter zusammen zu bekommen, sei es durch Spaziergänge zu den vom Vorjahr bekannten Stellen, sei es durch Tausch. Mitunter soll auch Diebstahl vorgekommen sein. Eine medizinische Verwendung der Sträuße, die an Maria Himmelfahrt am 15. August in der Kirche geweiht wurden, war dagegen wohl eher nicht ihr Anliegen. Sie wurden meistens im Stall oder auch unter dem Dach aufgehängt um Schaden jedweder Art abzuhalten. Die Angst vor Blitzschlag und Brand war hier noch weitaus begründeter als heute und da man ja nichts anderes tun konnte…

Etwas handfester war die Verwendung im Stall. Jeder der irgendwie konnte, hatte zu dieser Zeit noch eine Kuh, ein Schwein oder auch andere Nutztiere im Stall. Und der Kräuterstrauß wurde im Fall der Erkrankung der Tiere dann als Heilmittel unter das Futter gemischt, wohl eher pauschal als gezielt einzelne Teile daraus je nach Beschwerden. Da man zwar sein Tier kannte, aber es leider nicht fragen konnte, wo es weh tat und auch ein Tierarzt nicht greifbar war, blieb das wohl die einzige praktikable Lösung. Nach Angabe einer guten Bekannten aus Nieder-Roden wurde aus den Kräutern bei Bedarf ein Tee für die Kühe gemacht. Der Tee sollte den Tieren gegen „Bauchweh“ (Verdauungsprobleme) helfen, konnte sie aber auch beim Kalben unterstützen (bzw. danach).

Nieder-Röder Werzborre am Verkaufsstand auf dem Puiseauxplatz.© U.Biebel

Der Arbeitskreis für Heimatkunde Nieder-Roden e.V. (AKHNR), in Rodgau Nieder-Roden, hat seit einigen Jahren begonnen, diese Tradition wiederzubeleben. Das Sammeln der „Werzborre“, also der „Weihebüschel“ oder „Kräuterbuschen“, wie man andernorts auch dazu sagt, war in den davor liegenden Jahrzehnten etwas in Vergessenheit geraten, als Nieder-Rodens Bevölkerung sprunghaft angewachsen und das Dorf immer größer und zugebauter wurde.

Zu Beginn der Neuzeit am Ausgang des Mittelalters wurde im Zusammenhang mit der Hexenverfolgung auch das Wissen der „Kräuterweiblein“ mit-verbrannt. Womöglich war irgendwem das medizinische Wissen der weisen Frauen ein Dorn im Auge, wussten diese doch auch genau mit welchen Pflanzen man eine Schwangerschaft abbrechen konnte. Dass sie mit ihrem Wissen Gutes wie Böses erreichen konnten ist unbestreitbar, denn hochgiftige Substanzen finden sich durchaus auch in einheimischen Pflanzen, z.B. im Fingerhut = Digitalis, einem auch heute noch verwendeten hochwirksamen Arzneimittel bei Herzproblemen, für Gesunde und falsch dosiert aber sehr gefährlich.

Die Aufnahme der Kräuterweihe in den katholischen Ritus zeigt, dass die Kirche durchaus zu schätzen wusste, was da an Volkswissen vorhanden war. Die Umwidmung des heidnischen in einen religiösen Brauch in der Verbindung zur Gottesmutter Maria und ihrer Himmelfahrt war da naheliegend. Den religiösen Zusammenhang sollte man sich von einem ausgewiesenen Theologen erläutern lassen, von selbst erschließt er sich nicht so leicht.

Das Weihegebet (Benedictionale) drückt den Zusammenhang wie folgt aus:

Herr, unser Gott, du hast Maria über alle Geschöpfe erhoben und sie in den Himmel aufgenommen. An ihrem Fest danken wir dir für alle Wunder deiner Schöpfung. Durch die Heilkräuter und Blumen schenkst du uns Gesundheit und Freude. Segne diese Kräuter und Blumen. Sie erinnern uns an deine Herrlichkeit und an den Reichtum deines Lebens. Schenke uns auf die Fürsprache Mariens dein Heil. Lass uns zur ewigen Gemeinschaft mit dir gelangen und dereinst einstimmen in das Lob der ganzen Schöpfung, die dich preist durch deinen Sohn Jesus Christus in alle Ewigkeit. Amen

Weihegebet (Benedictionale)
Würzstrauß vor einem Marienbild in Hanneberg (Franken)
© U.Biebel

Das Datum der Weihe erklärt sich durch die Vegetationsperiode der Pflanzen. Im Hochsommer stehen fast alle Pflanzen in vollem Saft und haben daher besonders viele heilkräftige Substanzen angesammelt. Dass es schon ein wichtiger Anlass war, wird dadurch angezeigt, dass es der Feiertag Maria Himmelfahrt ist, zu dem die Sträuße geweiht werden. Und auch der Zusammenhang zur Mutter Gottes, die als Remineszenz an eine Muttergottheit angesehen werden kann erhellt sich beim Thema Naturheilkunde zwanglos („Mutter Natur“, Fruchtbarkeitssymbol).

Die aufkommende Naturwissenschaften der Neuzeit verwarfen Vieles, was an Brauchtum da war, als Aberglaube. Damit wurde aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Doch blieben in Nieder-Roden die Werzborre, auch nachdem die Nutztiere weitgehend abgeschafft worden waren, als Mittel gegen Blitzschlag im Einsatz, auch ohne dass jemand die einzelnen Heilwirkungen der Pflanzen für den Menschen noch wüsste.

Warum es Heilpflanzen auch in der heutigen Medizin noch schwer haben, hat aber andere Gründe. Ihre Verwendung benötigt eine ungewöhnliche Art von Heilwissen, die durch die universitäre Ausbildung nicht geleistet werden kann, da sie nicht universell und streng systematisch lehrbar ist. Heilpflanzen wachsen in verschiedenen Gegenden und zu verschiedenen Jahreszeiten. Dies allein genügt, um eine zentrale Ausbildung für den Heilkundigen vor Ort unpraktikabel zu machen. Wenn heute ein Kranker bei der weisen „Kräuterhexe“ seines Vertrauens um Rat fragt, muss sie wissen, was zurzeit hier gerade an passenden Pflanzen wächst, nicht etwas, das zwar hochwirksam, aber nicht zu bekommen ist, weil es anderswo oder zu einer anderen Jahreszeit wächst. Solch eine Medizin ist zudem kaum kommerzialisierbar, allenfalls in Form von Heiltees, die man dementsprechend heute auch in der Apotheke das ganze Jahr über (teuer) erwerben kann.

Wüssten wir mehr über unsere heimischen Pflanzen, würden wir uns viel Geld sparen können, solange es nur darum geht, einen Erkältungstee zu machen, Bauchweh zu vertreiben oder etwas zur Beruhigung vor dem Einschlafen zu haben. Dazu wachsen genügend Helfer vor der eigenen Haustüre. Zumindest taten sie das noch bis vor gar nicht langer Zeit. Wenn wir wüssten, was wir hier an Schätzen besitzen, würden die Grundstücke, die sie beherbergen wahrscheinlich auch nicht so sorglos als Bau- oder Industrieland verscherbelt.

Der Sammlung der Nieder-Röder Werzborre sieht man ihre lokale Geschichte an. Nicht nur, dass selbstverständlich hier andere Pflanzen gesammelt und geweiht werden als in anderen Dörfern (z.B. im Spessart). Das ergibt sich aus der lokalen Flora und Fauna. Wenn es darum ginge, möglichst bestimmte Pflanzen zu finden, die bei allen Christen dieselben sind, wäre das wohl schon machbar, Kosmopoliten gibt es auch bei Pflanzen. Aber das ist eben nicht das Ziel. Maria ist da großzügig. Es geht ihr (das heißt, es ging bei dem Brauch) wohl von Anfang an nicht um bestimmte Kräuter, sondern um die bestimmten Wirkungen. Und da werden traditionell solche Kräuter gesammelt, die besondere Wirkungen hervorrufen.

Je nach Region werden also unterschiedliche Kräuter gesammelt. Die benötigte Zahl an Pflanzen ist ebenfalls nicht einheitlich. Dass es eine magische Zahl sein muss, liegt evtl. in alter Zahlenmystik begründet, kam aber vielleicht auch erst durch das Christentum hinzu. Mal sind es neun, mal 12, oder noch viel mehr Kräuter, die gesammelt werden müssen (vgl. hierzu auch den Eintrag in Wikipedia unter „Würzbüschel„). Hier spiegelt sich auch die lokale Geschichte wider. Die Tradition musste ja von engagierten Menschen vor Ort erhalten werden, und nur wenn es da besonders kluge Köpfe gab, die sich auf die Pflanzen­heilkunde verstanden, dann konnten sie ihr Wissen auf diese Weise kulturell sichern. Gerade in Zeiten, in denen das Volk nicht lesen und schreiben konnte, waren die Kräutersträuße eine Möglichkeit für die erfolgreiche Tradierung von Wissen über nützliche Pflanzen.

Johanniskraut-Abbildung im „Gart der Gesundheit“

Selbst wenn die meisten Verwender nicht wussten, was die Wirkungen der einzelnen Pflanzen waren oder es sich nur für kurze Zeit merken konnten: schon die Tatsache allein ist bedeutsam, dass sie wussten, dass es bestimmte Heilpflanzen gibt und wo diese jeweils zu finden sind. Ein Heilkundiger konnte dann den Tipp geben: Sammle Johanniskraut und mache daraus einen Tee, den Du jeden Tag dreimal trinkst. Mit dieser Anweisung können heute die meisten Menschen schon nichts mehr anfangen, obwohl sie vielleicht jahrelang beim Spazierengehen an einer Menge Johannis­krautpflanzen vorbeigekommen sind.

Wenn Heilwirkungen dieser Pflanzen heute experimentell belegt werden, muss ich immer erstaunt feststellen, dass ich keinerlei Vorstellung habe, auf welche Weise unsere Altvorderen dieses Wissen erworben haben könnten. Experimente im modernen Sinn haben sie sicher nicht gemacht. Es muss ein über Jahrhunderte langsam angesammeltes und kollektiv mündlich weitergegebenes Wissen sein. Dass dabei mitunter auch schriftliche Zeugnisse eine Rolle spielten ist unbestritten. Hildegard von Bingen schrieb bereits um das Jahr 1150 ein maßgebliches Buch zur Heilkunde. Es kann jedoch bezweifelt werden, dass je ein Nieder-Röder außer evtl. dem Pfarrer darin gelesen hätte. Nach Auskunft von Pfarrer Grittner ist es auch eher unwahrscheinlich, dass die Ordensschwestern (und in Nieder-Roden gab es noch bis 1983 die Schwestern der göttlichen Vorsehung) die Träger des Kräuterwissens waren, zumindest nicht mehr zu seiner aktiven Zeit in Nieder-Roden. Sie sammelten anscheinend nicht einmal die Werzborre. Das war ausschließlich die Sache der alteingesessenen Nieder-Röder(innen). Ein berühmtes und ausführliches deutsches Kräuterbuch stammt von 1485. Es ist der „Gart der Gesundheit“ und enthält auch viele der im Werzborre enthaltenen Pflanzen zusammen mit ausführlichen Beschreibungen über deren Wirkungsweise.

In einigen der Werzborre- Pflanzen finden sich ganz konkrete Spuren Niederrodener Heimatgeschichte. So gehört traditionell in unserem Ort die Sumpfschafgarbe in den Strauß der Werzborre. Hier nennt man sie die „Weiße Rafohne“. Eine Pflanze, die den Sammler heute vor arge Probleme stellt, denn weder Sumpf noch die entsprechende Schafgarbe finden sich noch in größeren Mengen.

Bild einer gemeinen Schafgarbe im
„Gart der Gesundheit“.

Einstmals, und das ist nicht allzu lange her, war aber Nieder-Roden ringsum sumpfig und von Seen umgeben. Ein gutes Zeugnis davon gibt das Flurnamenbuch von Karl Pohl, welches der AKHNR in der Reihe der „Nieder-Röder Heimatbibliothek“ herausgegeben hat. Nach den großen Trockenlegungsaktionen im 20. Jahrhundert wurden die Äcker zwar fruchtbarer, denn sie „soffen nicht mehr ab“, aber einige vormals typische Eigenschaften der heimatlichen Landschaft verschwanden auch. Neben der Sumpfschafgarbe waren das auch die Frösche und Molche in den Wiesentümpeln und in der Folge dann die Störche, die hier heute nichts mehr zu fressen finden. Stattdessen findet man nun die gewöhnliche Schafgarbe in großer Zahl, da sie trockene Böden bevorzugt. Deshalb: Sammeln Sie lieber die gemeine Schafgarbe; es ist ganz im Sinne der Würzbürde-Idee. Sie wirkt auch gut.

Blutskraut im Hof des Heimatmuseums, selbst ausgesät durch das dortige Binden der Sträuße. © U.Biebel

Oft kann man zu den historischen Einwirkungen auf die Auswahl der Pflanzen nur Mutmaßungen anstellen. Eine solche Mutmaßung ist verbunden mit dem schönen roten Blutskraut. Diese Pflanze, auch Fuchsschwanz genannt, ist eine aus Südamerika bzw. Indien eingebürgerte Art. Das heißt, sie kann erst relativ spät in den Strauß aufgenommen worden sein. Man findet sie allerdings in vielen Würzsträußen, nicht nur in Nieder-Roden. Das ist insofern verwunderlich, da sie heute nur als Zierpflanze in den Gärten auftaucht. Das mag auch der Hauptgrund sein, dass sie überhaupt in den Strauß kam, denn auch das Auge möchte zu seinem Recht kommen. Und wirklich: dieser Fuchsschwanz ziert ungemein und vor allem fast unbegrenzt lange, denn die besondere Eigenschaft dieses Krautes ist es, dass sie nicht verwelkt und immer schön rot bleibt. Schon der lateinische Name Amaranthus (= welkt nicht) besagt dies. Dass diese Pflanze auch schon bei den Ureinwohnern von Mittel- und Südamerika sehr beliebt war steht auf einem anderen Blatt. Sie haben ihn als Nahrung geschätzt. Ein naher Verwandter dieser Hirse wird heute wieder in den Läden verkauft, als Quinoa, netterweise auch im Eine-Welt-Laden im Kirchturm, wiewohl kaum einer der Ein- oder Verkäufer bislang diese Beziehung kennt. Aber auch Amarant kann man in gut sortierten Geschäften finden. Die Samen werden heutzutage besonders in Mittelamerika angebaut und verwendet. In Afrika werden vor allem die Blätter als Gemüse (ähnlich Spinat) gegessen (Quelle). Wer viel Blutskraut im Garten hat, kann ihn im Herbst auch ernten und die kleinen schwarzen Samen als leckere und ungewöhnliche Beilage zubereiten.

Herzgespann im „Gart der Gesundheit“

Eine andere merkwürdige Geschichte erzählt das „Herzgespann“ – eine Pflanze, die schon im Namen ihre potenzielle Heilkraft bei Herzbeschwerden trägt. Dieses Kraut muss kurz nach dem Krieg in oder um Nieder-Roden durchaus noch so häufig wie heute die Brennnessel gewesen sein. Sie schmückte auch die Bauerngärten. Doch schon seit Längerem findet man sie nicht mehr. Sie scheint in unserer Gegend fast gänzlich verschwunden. Auch andernorts gilt sie schon seit einiger Zeit als gefährdet. Die Nieder-Röder waren allerdings auch zu diesen neueren Zeiten noch kräuterkundig genug, um sie durch eine andere Pflanze zu ersetzen, die nicht nur ähnlich aussieht sondern ebenfalls Heilwirkungen hat, dem Wolfstrapp, der in Nieder-Roden auch „Halsgespinskraut“ heißt (Andere nennen es auch Halsgespannskraut). Das wäre allein schon bemerkenswert. Wirklich erstaunlich finde ich aber, dass die „Ersatzdroge“ Wolfstrapp teilweise vergleichbare Anwendungsgebiete hat und das, obwohl doch angeblich schon lange niemand mehr die Werzborre tatsächlich als Heilmittel eingesetzt hatte. Es wäre spannend zu erfahren, wer diese Entscheidung traf und wann. Andererseits wäre es auch von großem ökologischem Interesse, warum das Herzgespann bei und so gründlich verschwunden ist. In Ostdeutschland findet man es noch flächendeckend (Quelle).
Wer Interesse hat diese interessante und bei Bienen und Hummeln sehr beliebte Pflanze wieder anzusiedeln, kann bei mir gern Ableger und Samen zur Nachzucht im eigenen Garten bekommen.

Die folgenden Informationen zur Heilwirkung der Pflanzen stammen nur zum kleinen Teil von mir, wiewohl ich die Fotografien fast alle in der näheren Umgebung von Nieder-Roden selbst gemacht habe. Die Zeichnungen stammen aus alten Botanikbüchern, die gemeinfrei im Internet zu finden sind. An einigen Stellen habe ich Abbildungen und Texte aus einem uralten Kräuterbuch von 1484 aufgenommen, das frei zugänglich im Internet abrufbar ist. Da ich leider kein Latein kann würde ich mich freuen, wenn sich jemand fände, der sie übersetzten kann. Die Bilder zu diesem alten Kräuterbuch sind übrigens auf den ersten Blick haarsträubend schlecht. Danach würde niemand die Pflanzen in der Natur finden und erkennen können, der nicht sowieso weiß, was er sucht. Der einfache Grund für diese Schwäche ist wohl der Folgende: Hier wurde von einem Schreiber ein älteres Werk stur kopiert.

Der Schreiber hatte offenbar kein Ahnung von Botanik, was aber bei beim Abschreiben von Buchstaben nichts ausmacht. Im Grunde musste er noch nicht einmal Latein können, er musste ja nur schön die Schriftzeichen abmalen. Die Symbolkraft der Buchstaben und die Redundanz der Sprache erlauben es hier dennoch den Sinn weitgehend unverändert zu erhalten. Beim Abzeichnen einer Pflanze ohne echte Vorlage allerdings schleichen sich bei jedem Kopiervorgang neue Fehler ein, bis die Form völlig entstellt ist. Im digitalen Zeitalter von „copy und paste“ ist wenigstens dieses Problem nicht mehr vorhanden. Gerade darum möchte ich darum bitten, dass alles, was Sie hier heraus kopieren wollen, als Zitat kenntlich machen. Das ist auch in Ihrem Sinne. Dann werden meine Fehler wenigstens nicht auch noch zu den Ihren.

Alle Angaben zur Heilwirkung stammen aus einem grandiosen Standardwerk zur Pflanzenheilkunde des Engländers Andrew Chevallier. Das Buch ist vergriffen aber antiquarisch erhältlich. Wenn Sie sich dafür interessieren: Es ist in der Nieder-Röder Stadtbibliothek am Puiseaux-Platz ausleihbar.
WICHTIG:
Sie sollten die Informationen zur Wirkung niemals als alleinige Quelle für gesundheitsbezogene Entscheidungen verwenden! Bei gesundheitlichen Beschwerden fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker! Bei Erkrankungen von Tieren konsultieren Sie einen Tierarzt!

Viel Spaß nun beim Lesen und Sammeln wünscht

Ulrich Biebel

Blutsknopf – Sanguisorba officinalis –
Großer Wiesenknopf

Der große Wiesenknopf ist nicht nur gesund, sondern auch ein Leckerbissen für das Weidevieh. Nicht zuletzt deshalb wurde er wohl in den Strauch aufgenommen. Für den Einsatz in der Heilkunde ist allerdings auch die Wurzel von Bedeutung.

Beschreibung:

Mehrjährige, bis zu 60 cm hohe Pflanze mit langstieligen, meist dreizehnzähligen Fiederblättern und kugeligen dunkelroten Blütenständen.

Verbreitung & Anbau:

Heimisch in Europa, Nordafrika und den gemäßigten Klimaregionen Asiens, wächst auf feuchten Wiesen, besonders im Bergland; als Futterpflanze und Salatkraut angebaut. Ernte im Sommer.

Verwendete Teile:

Sproßteile, Wurzel. Inhaltsstoffe: Gerbstoffe, Sanguisorbin (ein Triterpen) und Gummen.

Geschichte & Brauchtum:

Wiesenknopf ist in Europa schon seit langem als Futterpflanze und Zutat beim Bierbrauen genutzt worden. Wie der lateinische Name andeutet, hat man ihn auch zur Wundheilung verwendet: sanguis bedeutet »Blut«; sorbeo »ich schlürfe ein«.

Medizinische Wirkung & Anwendung:

Auch heute noch dient der Große Wiesenknopf zum Stillen oder Verlangsamen einer Blutung.

Bei starken Perioden- und Gebärmutterblutun­gen wendet man ihn sowohl in der europäischen als auch in der chinesischen Volksmedizin innerlich an. Eine Lotion oder Salbe wirkt äußerlich bei Hämorrhoiden, Verbrennungen, Wunden und Ekzemen. Als adstringierende Arzneipflanze wird Wiesenknopf bei verschiedenen Magen-Darm-Beschwerden eingesetzt, so bei Durchfall, Ruhr und chronischer Dickdarmentzündung, insbesondere mit Blutungen.

Forschungsergebnisse:

Nach chinesischen Untersuchungen soll die ganze Pflanze bei Verbrennungen wirksamer sein als der daraus isolierte Gerbstoffextrakt. Patienten mit Ekzem zeigten nach Behandlung mit einer Salbe aus Sanguisorba-Wurzel und Vaseline deutliche Besserung.

Quelle: Chevallier, S.165.

Blutskraut – Amaranthus cruentus – Fuchsschwanz oder Roter Hirsen, Amarant

Es gibt vom Blutskraut verschiedene Gartenformen, wie Amaranthus cruentus, A. hypochondriacus oder A. caudatus.

Blutskraut oder auch Amarant zeichnet sich durch seine langlebigen Blüten aus (griechisch: „ich verwelke nicht“). Das „Blutskraut“ im Werzborre muss rot sein, daher werden gern die Zierformen und Zuchtformen verwendet. Diese schmücken ungemein. Sie vermehren sich durch Aussaat der Samen und kommen in vielen Gärten Jahr für Jahr von selbst wieder. Wer sie (noch) nicht im Garten hat, muss auf die auf Feldern wachsende grüne Art Amaranthus retroflexus ausweichen (siehe Bild unten). Sie hat ebenfalls sehr ergiebige langlebige Blüten- bzw. Fruchtstände. Samen für die Nachzucht können bei Sie auch mir bekommen.

Beschreibung:

Robuste, bis zu 1 m hohe, auf­rechte, einjährige Pflanze mit maximal 15 cm großen, stark geäderten, lanzettlichen purpur­grünen Blättern und langen Rispen aus kleinen dunkelpurpurroten Blüten. Die Vermehrung erfolgt durch Aussaat im Frühjahr.

Verbreitung & Anbau:

In Indien heimisch, kommt heute in vielen Ländern wildwachsend vor; häufige Gartenpflanze. Geerntet wird zur Blütezeit im Spätsommer oder Frühherbst.

Verwendete Teile:

Sprossteile.

Inhaltsstoffe:

Der Amarant enthält Gerbstoffe und einen roten Farbstoff, den man zum Färben von Lebensmitteln und Arzneien nutzt.

Geschichte & Brauchtum:

Der Name Amarant leitet sich von dem griechischen Begriff für »ich verwelke nicht« ab. Er war der Göttin Artemis geweiht, die in Ephesus verehrt wurde. Man schrieb der Pflanze besondere Heilkräfte zu; außerdem galt sie als Zeichen der Unsterblichkeit, so daß sie oft Gräber und Götterbilder schmückte.

Medizinische Wirkung & Anwendung:

Der Amarant ist eine adstringierende Pflanze, die v. a. gegen Blutverlust und bei Durchfall verwendet wird. Abkochungen sind ein Mittel gegen starke Menstruation, übermäßigen Scheidenausfluß, Durchfall und Ruhr. Außerdem kennt man sie als Gurgelmittel bei Entzündungen des Rachenraumes oder bei Geschwüren im Mund.

Verwandte Arten:

Der Gartenfuchsschwanz (A. caudatus, auch Inkaweizen oder Quinoa genannt) war ursprünglich eine Nutzpflanze, die zur Brotherstellung oder in Salaten verwendet wurde. Auch die Samen von A. grandifloris wurden als Nahrungsmittel genutzt, und zwar von den australischen Aborigines.

Quelle: Chevallier, 2001, S.265.

Eisenkraut – Verbena officinalis

Eisenkraut müsste vielleicht besser Drahtkraut heißen, denn daran erinnert sein sperriger Wuchs.

Eisenkraut hat nicht nur körperlich heilende Wirkungen sondern wurde von unseren frühen Vorfahren, den Kelten, als magische Pflanze verehrt. Dass es im Würzstrauch auftaucht, lässt ahnen, wie alt die Wurzeln dieses Brauches sind. Die Pflanze wächst mitunter in großen Mengen, ist aber in unserer Gegend eher selten.

Beschreibung

Verbena officinalis (Verbenaceae) – ECHTES EISENKRAUT, Ma bian cao (chinesisch)

Dem Eisenkraut schrieb man magische Kräfte zu; angelsächsische und gallische Druiden nutzten es in ihren Zeremonien. Gleichzeitig handelt es sich um eine traditionelle Heilpflanze, die in China und Europa zur Anwendung kam. Dioskorides bezeichnete das Eisenkraut als »heilige Pflanze«, es galt viele Jahrhunderte als Allheilmittel. Es besitzt ionisierende und aufbauende Eigenschaften und wird bei Streß und Angstzuständen oder zur Stärkung der Verdauung verwendet.

Eisenkraut wurde im Mittelalter als Glücksbringer getragen.

Verbreitung & Anbau

Eisenkraut kommt fast überall in Europa und Nordafrika, aber auch in China und Japan wildwachsend vor. Es wird im Frühjahr oder Herbst durch Aussaat vermehrt und bevorzugt durchlässigen Boden und viel Sonne. Die Sproßteile werden während der Blüte im Sommer geerntet.

Verwandte Arten

Die in Nordamerika heimische Art V.hastata wird in ähnlicher Weise verwendet wie der Echte Baldrian.

Hauptsächliche Inhaltsstoffe

Bittere Iridoide (Verbenalin), Ätherisches Öl, Alkaloide, Schleimstoffe, Gerbstoffe.

Hauptsächliche Wirkung

Nervinum, Tonisierend, Sanftes Beruhigungsmittel, Stimuliert Gallensekretion, Sanftes Bittermittel.

Forschungsergebnisse:

Hormonelle Effekte:

Nach ersten Untersuchungen hat die Pflanze eine östrogene und proöstrogene Wirkung. Außerdem stimuliert sie die Gebärmuttermuskulatur und regt die Produktion von Muttermilch an.

Bittermittel:

Das bittere Eisenkraut regt die Verdauung an, verursacht in hoher Dosis allerdings Erbrechen, wofür das Verbenalin verantwortlich sein könnte.

Frühere & Heutige Verwendung

Verdauungstonikum:

Die Pflanze verbessert Verdauung und Nährstoffaufnahme aus der Nahrung.

Nervensystem:

Eisenkraut wird als Nerventonikum hoch geschätzt und ist bei nervlicher Anspannung besonders hilfreich. Man sagt ihm eine milde antidepressive Wirkung nach und nimmt es vornehmlich bei Beklemmung und nervöser Erschöpfung nach langen Streßphasen.

Rekonvaleszenz:

Durch seine Wirkung auf Verdauung und Ner­ven ist es ein ideales Tonikum nach einer chronischen Krankheit.

Kopfschmerzen & Migräne:

Eisenkraut lindert Kopfschmerzen und wird in der chinesischen Kräuterheilkunde bei menstruations­bedingter Migräne verwendet.

Weitere Anwendungen:

Eisen­kraut eignet sich zur Behandlung von Gelbsucht, Gallensteinen, Asthma, Schlaflosigkeit, prämenstruellem Syndrom und Fieber sowie weiteren Beschwerden.

Rezepturen & ihre Anwendung

Warnung:

Nicht die Dosierung überschreiten. Eisenkraut kann Erbrechen auslösen, wenn es im Übermaß genommen wird. Nicht während der Schwangerschaft anwenden.

Tinktur

ist ein entspannendes, beruhigendes Tonikum. Bei Streß und Beklemmung 3mal täglich 1/2 TL, in einem Glas Wasser aufgelöst.

Aufguß

regt die Verdauung an und verbessert die Nährstoffaufnahme. Regelmäßig, besonders aber nach schweren Mahlzeiten, eine Tasse trinken.

Pulver

kann als Zahnpasta benutzt werden. Regelmäßig auf die Zähne gerieben, reinigt und schützt es.

Quelle: Chevallier, 2001, S.149.

Weitere aktuelle Informationen auf der Seite Waschkultur.

Einen anschaulichen Einblick in die umfangreicher ehemalige Verwendung des Eisenkrautes gewährt das Kräuterbuch von Jacobus Theodorus „TABERNAEMONTANUS“.

Noch mehr – zum Teil mittelalterliche – Informationen zum Eisenkraut wurden hier zusammengetragen.

Elisabethenstroh – Epilobium roseum – Rosarotes Weidenröschen

Das echte Elisabethenstroh kommt in ganz unterschiedlichen Größen vor, je nach Standort. An feuchten aber sonnigen Orten kann es stattliche Größe erreichen.

Das rosenrote Weidenröschen (Epilobium roseum) der Nieder-Röder Werzborre ähnelt der unten heilkundlich beschriebenen Weidenröschenart und ist eng verwandt, so dass auch die Wirkungen wahrscheinlich ähnlich sind. Das schmalblättrige Weidenröschen tritt im Gegensatz zum rosenroten auch in Massenbeständen auf und kann daher leicht gesammelt werden. Puristen verschmähen es dennoch für die Würzbürde. Mit etwas Geduld finden Sie bestimmt auch das Original! Als einjährige Pflanze, die ihre Samen durch den Wind verbreitet, taucht es allerdings jedes Jahr anderswo auf.

Chamaenerion angustifolium syn. Epilobium angustifolium (Onagraceae) – Schmalblättriges Weidenröschen

Beschreibung: Mehrjährige Pflanze mit steifem, bis 2 m hohem Stengel, lanzettlichen Blättern und purpurrosa Blüten in langen Blütenständen.

Verbreitung und Anbau:

Kommt in Europa und Westasien vor, wächst auf Lichtungen, an Waldrändern und auf Ödland. Wird zur Blüte­zeit im Spätsommer geerntet.

Verwendete Teile:

Sproßteile.

Inhaltsstoffe:

Flavone und Gerbstoffe.

Geschichte und Brauchtum:

In Europa wurde ein adstringierender Tee aus den Blättern getrunken. In Sibirien hat man aus Weiden­röschen und Fliegenpilz (Amanita muscaria) ein berauschendes Getränk hergestellt.

Medizinische Wirkung und Anwendung:

Aufgrund der beruhigenden und adstringierenden Eigenschaften wirkt das Schmalblättrige Weiden­röschen gegen Durchfall, Colitis und Reizdarm. Außerdem lässt sich eine lindernde Hautsalbe für Kinder daraus herstellen, und man wendet die Art bei Prostatabeschwerden an.

Quelle: Chevallier, 2001, S.186f.

Gelbe Rafohne – Tanacetum vulgare – Rainfarn, Wurmkraut

Der Rainfarn ist eines der wenigen Kräuter in der Würzbürde, die für Menschen eine eher gesundheitsschädigende Wirkung haben. Es wirkt allerdings als gutes Mittel gegen Schädlingsbefall und hält so den Würzstrauß frei von Parasiten. Innerlich wirkt es durch seine Giftigkeit auch stark gegen parasitische Würmer („Wurmkraut“), was vermutlich bei mancher kranken Kuh das Problem gewesen sein mag. Die Giftwirkung auf das Nerven­system nahm man da wohl oder übel in Kauf. Das enthaltene Gift Thujon ist übrigens dasselbe, das auch den Wermut­schnaps Absinth so gefährlich macht (und auch der ist im Würzstrauß drin und gilt als Heilpflanze).

Die hessische Bezeichnung „Raffoone“ lässt den ursprünglichen Sinn besser erkennen als die hochdeutsche Bezeichnung „Rainfarn“. Zwar hat die Pflanze stark gefiederte Blätter wie ein Farn, aber ursprünglich war wohl gemeint, dass die Pflanze wie eine gelbe Fahne am Feldrand (am Rain) leuchtend aufgepflanzt stand, so wie auch ihre Schwester in der Würzborre, die „Weiße Rainfahne“. Sie sollte daher eher Raa-Fohne geschrieben werden. Ich habe mich als Kompromiss für Rafohne entschieden.

Beschreibung:

Mehrjährige, stark aromatische, bis zu 1 m hohe Pflanze mit doppelt gefiederten Blättern und flachen gelben Blütenköpfen in Doldenrispen.

Verbreitung & Anbau:

Heimisch in Europa und Teilen Asiens, eingebürgert in Nordamerika, wächst auf Ödland, an Wegrändern und in Wassernähe. Die Blütensprosse werden zu Beginn der Blütezeit geerntet.

Verwendete Teile:

Blütensprosse

Inhaltsstoffe:

Ätherisches Öl mit beträchtlichen Mengen an Thujon und Kampfer, ferner Sesquiterpenlactone, Flavonoide und Harz. Das isolierte ätherische Öl wirkt stark menstruations­anregend. Thujon ist ein starkes Nervengift.

Geschichte & Brauchtum:

In den heute noch existierenden Texten der Antike wird der Rainfarn nicht erwähnt, häufig jedoch in mittel­alterlichen Kräuterbüchern. Besonders Hildegard von Bingen (12. Jahrhundert) führt ihn als Arznei­pflanze auf, und seit dieser Zeit ist er auch als Wurmmittel gebräuchlich. In England verzehrte man in der Fastenzeit »Wurmkraut-Pudding«.

Medizinische Wirkung & Anwendung:

Wegen seiner Giftigkeit wird Rainfarn heute wenig verwendet. Wenn überhaupt, wird er zum Entwurmen eingesetzt, in geringerem Maße zum Einleiten der Menstruation. Rainfarn tötet äußerlich Krätze, Flöhe und Läuse ab, doch besteht selbst beim Auftragen auf die Haut Ver­giftungsgefahr, da die Monoterpene leicht über die Haut aufgenommen werden.

Warnung:

Nur unter ärztlicher Aufsicht und nicht in der Schwangerschaft anwenden. Wegen des Gehalts an giftigem Thujon wird die innere und äußere Anwendung nicht mehr empfohlen. Die ganze Pflanze und das isolierte ätherische Öl unterliegen in einigen Ländern gesetzlichen Bestimmungen.

Quelle: Chevallier, 2001, S.274.

Die offizielle (negative) Bewertung der Pflanzenwirkungen finden Sie hier.

Halsgespinskraut – Lycopus europaeus –
Ufer-Wolfstrapp

Der Uferwolfstrapp (Lycopus) wurde erst in die Sammlung der Werzborre-Pflanzen aufgenommen, als man das früher häufige „Herz­gespann“ nicht mehr fand. Das ersatzweise hinzugezogene “Hals­gespinskraut” ähnelt nicht nur äußerlich dem bekannten Herz­stärkungsmittel Herz­gespann (Leonurus) und stammt aus der gleichen Familie, es hat auch selbst nach­gewiesenermaßen vergleichbare Wirkungen. Dies ist ein guter Hinweis darauf, dass die heilkundigen Nieder-Röder genau wussten, was sie taten, als sie nach einem Ersatz suchten. Was allerdings der Name “Halsgespins” bedeuten könnte, bleibt fraglich. Immerhin könnte man argumentieren, dass der Wolfstrapp nicht nur für das Herz gut ist, sondern auch bei Katarrhen (Hals!) hilft und besonders gut zur Behandlung von Schilddrüsenproblemen (die auch am Hals liegt) verwendet werden kann.

Der Name Wolfstrapp erklärt sich leicht aus der Form der Blätter, die an den Fußabdruck (“Trapp”) eines Wolfes erinnern. Die Pflanze findet sich an feuchten Stellen im Wald. Im Folgenden wird vorwiegend sein gleichfalls heilwirksamer Vetter aus Virginia beschreiben.

Lycopus virginicus (Lamiaceae)- Virginischer Wolfstrapp

Beschreibung:

Mehrjährige, bis zu 60 cm hohe Pflanze mit vierkantigem Stengel, lanzettli­chen Blättern und weißen Blüten in Scheinquirlen. Verbreitung & Anbau: In Nordamerika häufig, wächst in Wassernähe; Ernte zur Blütezeit. Verwendete Teile: Sproßteile.

Inhaltsstoffe:

Phenolsäuren (u. a. Abkömmlinge der Kaffee-, Chlorogen- und Elagsäure).

Geschichte & Brauchtum:

Galt in der physio­medikalistischen Tradition des 19. Jahrhunderts als adstringierend und nerven beruhigend; wurde bei lockerem Husten, inneren Blutungen und Harninkontinenz und als schwaches Betäubungsmittel verabreicht.

Medizinische Wirkung & Anwendung:

Virginischer Wolfstrapp wirkt beruhigend und wird heute hauptsächlich bei einer Überfunktion der Schilddrüse und zur Behandlung von Herzrasen verschrieben. Wolfstrapp gilt auch als eine aromatisch ionisierende und adstringierende Arzneipflanze zum Lindern von Katarrhen.

Forschungsergebnisse:

Nach neueren Studien scheinen L. virynicus und in gewissem Maße auch L. europaeus (siehe nächster Absatz) die Schilddrüsenaktivität zu dämpfen.

Verwandte Arten:

Der Europäische Wolf­strapp (L. europaeus) wirkt adstringierend und herzstärkend. Man nimmt ihn bei Herzklopfen und Angstzuständen, früher auch zur Fiebersenkung.

Warnung:

Nur unter ärztlicher Aufsicht und nicht während der Schwangerschaft anwenden.

Quelle: Chevallier, 2001, S.230.

Die offizielle Bewertung der Pflanzenwirkungen finden Sie hier.

Herzgespann – Leonurus cardiaca –
Echtes Herzgespann

Weil sich das Herzgespann leider nicht mehr in den Fluren und Wäldern um Nieder-Roden findet müssen Sie, um es zu sehen, in den Kräutergarten des Klosters in Seligenstadt fahren. Dort gibt es im Übrigen auch einen Mariengarten im Hof, in dem viele der Werzborrepflanzen wachsen, da dort alles angepflanzt wurde, was mit Maria zu tun hat.

In Bayern solle das Herzgespann z.B. am Main verstreut noch zu finden sein. Diese Verbreitungskarte zeigt das. Dort wie in Hessen wird der Status der Pflanze als gefährdet eingestuft. Sie sollte daher nicht gesammelt werden. Sie dürfen das echte Herzgespann allerdings im eigenen Garten gerne aussäen und dann später ernten.

Auch die Hummeln im Garten freuen sich angeblich darüber!

Beschreibung:

Mehrjährige, bis zu 1,5 m hohe Pflanze mit gezähnten, bandförmigen Blättern und weißen oder rosafarbenen Lippenblüten in Quirlen.

Verbreitung & Anbau:

Heimisch in Europa. Westasien bis zum Himalaja und Nordafrika; eingebürgert in Nordamerika, wächst in Wäldern, auf Schuttplätzen und an Wegrändern; auch als Gartenpflanze angebaut. Ernte zu Beginn der Blütezeit.

Verwendete Teile:

Sproßteile.

Inhaltsstoffe:

Alkaloide (darunter L-Stachydrin), Iridoide (u. a. Leonurin), Diterpene, Flavonoide, Kaffeesäure und Gerbstoffe.

Geschichte & Brauchtum:

Schon seit langem gilt Herzgespann als Herzmittel, wie schon sein Name andeutet. So schrieb Nicholas Culpeper 1652, daß »es kein besseres Kraut gibt zum Vertreiben melancholischer Nebel aus dem Herzen, zum Stärken desselben und zum Aufheitern des Sinns«. Der italienische Arzt und Kräuterkundler Petrus Andreas Matthiolus befand, es sei »nützlich bei starkem Pulsschlag und Herzklopfen, Krämpfen und Lähmung… [es] verdünne dicke und zähe Körpersäfte [und] stimuliere die Harnproduktion sowie die Periodenblutung« (1548).

Medizinische Wirkung & Anwendung:

Als Herz- und Nervenmittel wird Herzgespann oft bei Herzklopfen verschrieben; besonders schwache Herzen stärkt die Pflanze. Sie wirkt krampflösend und beruhigend, bringt eher Entspannung als Benommenheit. Außerdem stimuliert Herzgespann die Gebärmuttermuskulatur und ist deshalb besonders vorteilhaft bei verzögerter Periodenblutung, Periodenschmerzen und prämenstruellen Spannungen (vor allem durch Schock und Kummer verursacht). Bei starker Menstruation sollte die Arzneidroge jedoch nicht angewendet werden.

Verwandte Arten:

Therapeutisch werden zwei ostasiatische Arten, L. heterophyllus (China) und L. sibiriens (Sibirien) genauso wie Herzge­spann eingesetzt. Auch L. heterophyllus scheint Bluthochdruck zu senken und die Menstruation einzuleiten.

Warnung:

Nicht während der Schwanger­schaft und bei Neigung zu starker Menstruation anwenden.

Quelle: Chevallier, Andrew. 2001, S.226

Mehr Informationen unter heilpflanzen-welt.de

Halwegaul – Verbascum nigrum –
schwarze Königskerze

Es gibt lokal mindestens drei verschiedene Arten von Königskerzen. Anscheinend bilden Sie auch Hybride untereinander. Es ist also nicht ganz einfach, die richtige Königskerze zu finden. Traditionell wird in Nieder-Roden die schwarze Königskerze (Verbascum nigrum) gesammelt, deren Blätter oberseits nicht behaart sind. Sie wird vielleicht so genannt, weil ihr abgeblühter Fruchtstand noch lange stehen bleibt, dann aber dunkelbraun bis schwarz aussieht. Im Vergleich mit ihren hell-wolligen behaarten Nachbararten erscheinen ihre Blätter eher dunkel (auch: dunkle Königskerze). Angeblich wurde der Fruchtstand früher mit Teer oder Pech bestrichen und dann angezündet wie eine Fackel benutzt (“Kerze”). Danach war er sicher schwarz. Sammeln Sie am besten Pflanzen, die gut zur Größe des Werzborre passen. Sie sind so etwa wie das Aushängeschild eines schönen Straußes. Leider sind die Königskerzen mitunter bis zum 15. August schon zum großen Teil verblüht.

Halbegaul sieht auch im Balkonkasten gut aus, © U.Biebel

Woher der heimische Name “halber Gaul” stammt ist unklar. Vielleicht bezieht er sich auf die Größe der Pflanze. Verbascum thapsus, die ebenfalls hier vorkommende Kleinblütige Königskerze ist deutlich größer als der Halbegaul (bis zu 2 m hoch). Vielleicht war das ja der „Ganze Gaul“!?

Schwarze Königskerze (Halbegaul) – Blüte (Oberroden, Grünanalge an der Straße nach Waldacker),
© U.Biebel

Auch die vielen anderen volkstümlichen Namen geben leider keinen Hinweis:

Donnerkerze · Fackelkraut · Frauenkerze · Goldblume · Hammelschwanz · Himmelbrand · Johanniskerze · Marienkerze · Unholdenkerze · Wetterkerze

(nach http://www.heilfastenkur.de)

Die unten als Heilpflanze beschriebene „Kleinblütige Königskerze“ ist eine nahe Verwandte.

Verbascum thapsus (Scrophulariaceae) –
Kleinblütige Königskerze

Beschreibung:

Zweijährige, bis zu 2 m hohe, aufrechte Pflanze mit leicht behaarten graugrünen, lanzettlich-ovalen Blättern und leuchtendgelben Blütenähren.

Verbreitung & Anbau:

Heimisch in Europa, West-, Mittel- und Ostasien; vielerorts in gemäßigten Klimazonen eingebürgert; wächst auf Ödland und an Wegrainen. Ernte der Blätter und Blüten im Sommer.

Verwendete Teile:

Blätter, Blüten.

Inhaltsstoffe:

Schleimstoffe, Flavonoide, Triterpensaponine, ätherisches Öl und Gerbstoffe.

Geschichte & Brauchtum:

Königskerze war früher als Heil-, aber auch als Zauberpflanze hoch geschätzt. Im 16. Jahrhundert äußerte der Kräuterarzt John Gerard seine Zweifel an den Zauberkräften: »Einige denken, daß dieses Kraut, am Körper getragen, gegen die Fallsucht hilft . . . welches ein falscher und Aberglaube ist.« Er bestätigte jedoch den Nutzen der Königskerze als Hustenmittel.

Medizinische Wirkung & Anwendung:

Kleinblütige Königskerze hilft bei Husten und Katarrh, insbesondere bei Luftröhrenentzündung und Bronchitis. Ein Aufguß aus Blättern und Blüten vermindert die Bildung von Schleim und stimuliert sein Abhusten. Königskerze läßt sich gut mit anderen auswurffördernden Pflanzen wie Huflattich (Tussilago farfara) und Garten­thymian (Thymus vulgaris) kombinieren. Äußerlich wirkt Königskerze lindernd und fördert die Wundheilung. In Deutschland legt man die Blüten in Olivenöl ein und nutzt das daraus gewonnene fette Öl bei Ohrinfekten und Hämorrhoiden.

Quelle: Chevallier, Andrew. 2001, S.281.

Was der alte griechische Gelehrte Dioskurides (40-90 n.Chr.) schon über die Heilwirkung der Königskerzen wusste, steht hier.

Die offizielle Bewertung der Pflanzenwirkungen finden Sie hier.

Hartehaad – Hypericum perforatum –
(Tüpfel-) Johanniskraut

Der Hartehaa (das Hartheu) ist eines der bekanntesten und auch in der Medizin anerkanntesten Heilkräuter. Selten ist es nicht. Der Name “Hartheu” oder „Hartheide“ nimmt vermutlich Bezug auf sein sperriges hartes Kraut, das in den Wiesen in größeren Mengen anfällt, wenn gemäht wird.

Johanniskraut (Hartehaad) Fundort an der Bahn Richtung Rollwald
© U.Biebel

Das zur Zeit der Sommersonnenwende blühende Johanniskraut galt bereits im mittelalterlichen Europa als magische Pflanze zur Abwehr von Krankheiten und Unheil; therapeutisch nutzte man es zur Wundheilung und bei Niedergeschlagenheit. Im 19. Jahrhundert kam das Kraut aus der Mode, aber neuere Forschungen haben das Interesse neu erweckt, da die Pflanze sich tatsächlich als Mittel zur Behandlung von unterschiedlichen Gemütskrankheiten erwiesen hat.

Johanniskraut galt im Mittelalter als Volksmedizin gegen Wahnsinn.

Verbreitung & Anbau:

Die Pflanze, die sonnige Standorte auf Kalkboden bevorzugt, kommt weltweit in gemäßigten Zonen vor. Die Vermehrung erfolgt durch Samen oder Teilung des Wurzelstocks im Herbst; Sproßspitzen werden nach Öffnung der Blüten geerntet.

Verwandte Arten:

Es gibt Hypericum-Arten mit ähnli­chen therapeutischen Eigenschaften.

Hauptsächliche Inhaltsstoffe:

Phloroglucinol (Hyperforin), Polycyclische Diketone (Hypericin), Flavonoide, Proanthocyane

Hauptsächliche Wirkung:

Antidepressivum, Anxiolytikum, Antiviral, Antioxidans, Wundheilend, Entzündungshemmend

Forschungsergebnisse:

Depressionen:

Nach Untersuchungen, die seit 1970 durchgeführt werden, ist es ein effektives Antidepressivum. Wie eine österreichische Studie nachwies, verbesserte die Einnahme eines Extrakts leichte bis mittelschwere Depressionen bei 67 % der Patienten.

Hyperforin:

1998 durchgeführte Untersuchungen haben gezeigt, daß diese Substanz eine große Rolle bei der Wirkung der Pflanze gegen Depressionen spielt.

Hypericin:

Hypericin hat eine antivirale Wirkung. Die isolierte Substanz (und auch das Kraut selbst) scheinen u. a. gegen Viren zu wirken, die Herpes, HIV oder Hepatitis B und C verursachen.

Sicherheit:

Das Johanniskraut ist eine sehr sichere Arznei. So zeigten 15 Testpersonen, die nur Placebos bekommen hatten, mehr Nebenwirkungen als die, die Johanniskraut bekommen hatten. Mögliche Reaktionen mit anderen Medikamenten könnten problematisch sein.

Frühere & heutige Verwendung:

Nervenbeschwerden:

Johanniskraut gilt als Tonikum für das Nervensystem, so daß man es bei nervöser Erschöpfung, Angstzuständen, Schlaflosigkeit und Depression einsetzen kann. Möglicherweise hilft es aber auch bei Suchtkrankheiten.

Menopause:

Johanniskraut kann mangelnde Vitalität während der Menopause lindern.

Tonisierende Eigenschaften:

Johanniskraut ist ein wertvolles Tonikum für Leber und Gallenblase.

Aufgußöl:

Das rote Öl unterstützt die Gewebeerneuerung, so daß man es äußerlich bei Wunden und Verbrennungen anwendet, aber auch bei Zahn- und Gelenkschmerzen. Innerlich wird es bei Magengeschwüren angewendet.

Rezepturen & ihre Anwendung:

Warnung:

Kann Überempfindlichkeit gegen Sonnenlicht verursachen. Bei Ein­nahme anderer Medikamente sollte ein Arzt konsultiert werden.

Aufgussöl:

6-wöchiges Einlegen der Pflanze in Öl. Auf kleinere Wunden und Verbrennungen tupfen.

Creme:

Bei Krämpfen, Neuralgie die betroffene Stelle einreiben.

Tinktur:

Bei Depressionen 3mal täglich ½ TL mit Wasser einnehmen.

Aufguss:

Täglich 100 ml als Verdauungstonikum trinken.

Quelle: Chevallier, Andrew. 2001, S.30f, S.108

Die offizielle Bewertung der Pflanzenwirkungen finden Sie hier.

Liebstängel – Levisticum officinale – Liebstöckel, „Maggikraut“

Den „Liebstängel“ findet man in fast jedem alten Nieder-Röder Garten. Tatsächlich ist er eine so alte Gewürzpflanze, dass keiner sich recht erinnern kann, woher er stammt. Dass er außer als Würze in der Suppe auch zu Heilzwecken zu gebrauchen ist, ging mit der Zeit in Vergessenheit. Seine genügsame und ergiebige Art hat ihn in vielen Gärten gerettet und dass man ihn eben als Gewürz verwenden kann.

Liebstöckel (Liebstängel, Maggikraut) im Garten
© U.Biebel

Die Älteren erinnern sich daran, dass man die hohlen Stängel als Strohhalm benutzte. Anscheinend aber besonders dann, wenn man krank war. Was dadurch getrunken wurde weiß ich leider nicht, vielleicht eine nahrhafte klare Brühe? Der Stängel ist jedenfalls bis heute das Wesentliche für die Werzborre. Weder Blätter noch Blüten sind nötig, wichtig ist, dass ein Stück hohler Stängel dabei ist (und sei er auch schon verdorrt).

Da der Liebstöckel jedes Jahr wiederkommt, könnten wohl einige der Pflanzen, die in den alten Gärten stehen, schon Hunderte von Jahren alt sein. Aber das merkt man ihnen nicht an. Außerhalb der Gärten findet er sich hierzulande nicht. Irgendwer muss ihn wohl vor langer Zeit mitgebracht haben. Vielleicht die Römer? Ob als Samen oder als Pflanze, wer weiß das schon…

Beschreibung:

Mehrjährige, bis zu 2 m hohe Pflanze mit gezähnten Fiederblättern, grüngelb­lichen Blüten und winzigen, ovalen Früchten.

Verbreitung & Anbau:

Heimisch in Südeuropa und Südwestasien, wächst an sonnigen Berghängen. Die Blätter werden im Frühjahr oder Frühsommer, die Früchte im Spätsommer, die Wurzel im Herbst geerntet.

Verwendete Teile:

Wurzel, Früchte, Blätter.

Inhaltsstoffe:

Ätherisches Öl (etwa 70% Phthalide), Cumarine (darunter Bergapten, Psoralen und Umbelliferon), Alkin, Pflanzensäuren, Sterole, Harze und Gummi. Die Phthalide wirken beruhigend und entkrampfend.

Geschichte & Brauchtum:

K’Eogh, der irische Pflanzenheilkundler, schrieb 1735, daß Liebstöckel »Blähungen vertreibt. .. der Verdauung hilft, Harnlassen und Menstruation veranlaßt, die Sicht klärt und Pickel, Sommersprossen und Rötungen aus dem Gesicht entfernt«.

Medizinische Wirkung & Anwendung:

Liebstöckel wirkt im Verdauungstrakt und in den Atemwegen wärmend und ionisierend. Es hilft bei Verdauungsstörungen, Appetitlosigkeit, Blähungen, Koliken und Bronchitis. Wegen der harntreibenden und antimikrobiellen Eigenschaften nimmt man es regelmäßig bei Harnwegserkrankungen. Liebstöckel leitet die Menstruation ein und hilft bei Periodenschmerz. Seine anregende Wirkung hilft bei schwachem Blutdruck.

Verwandte Arten:

Das chinesische Chuan xiong (Ligusticum ivallichii) wird bei Periodenschmerzen angewendet und um ausbleibende Periodenblutungen einzuleiten. Gao ben (Ligusti­cum sinense) hilft ebenfalls bei Schmerzen.

Warnung:

Nicht während der Schwangerschaft und bei Nierenkrankheiten anwenden.

Quelle: Chevallier, Andrew. 2001, S.227

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„Osterlazeie“ – Aristolochia clematitis – Osterluzei

Die Osterluzei findet sich vor allem in und an (alten) Nieder-Röder Gärten, nur noch selten in der freien Natur. (Einen Standort in Dudenhofen habe ich entdeckt. Dort gäbe es genug Osterluzei für ganze Gemeinde Nieder-Roden: An der Mainzer Straße links auf den Feldweg abbiegen Richtung Kleingartenanlage. Gleich rechts im Gebüsch und unter dem Nussbaum). Ansonsten fragen Sie bitte die älteren Niederröder! Meistens sind sie froh, wenn jemand ihre „Osterlazeie“ haben will, denn einmal da, vermehrt sie sich von selbst und wuchert gern. Sie ist abgesehen vom Geruch recht dekorativ.

Osterluzei in einem alten Nieder-Röder Garten im Breitwiesenring
© U.Biebel

Aristolochia gilt für den Menschen als krebserregend. Als Teil der Werzborre wurde sie früher ans Vieh verfüttert, vielleicht ist sie dort unschädlich. So alt, dass eine Kuh Krebs bekommen könnte, wird diese meist ja nicht (wir Menschen in früheren Zeiten auch nicht!). Wie sie den Kühen helfen sollte ist unklar, vielleicht gegen Zahnschmerzen oder zur Hilfe beim Kalben!?

Beschreibung:

Unangenehm riechende Pflanze mit herzförmigen Blättern und röhrenförmigen, am Ende verbreiterten gelben Blüten. Verbreitung & Anbau: Hauptverbreitung in Mittel- und Südeuropa sowie Südwestasien. Die Wurzel wird im Frühjahr oder Herbst geerntet. Verwendete Teile: Wurzel, Sproßteile.

Inhaltsstoffe:

Die Osterluzei enthält Aristolochiasäuren, ätherisches Öl und Gerbstoffe. Aristolochiasäuren regen die Aktivität der Leukozyten an, sind aber krebserregend und nierenschädigend.

Geschichte & Brauchtum:

Aristolochia bedeutet »sehr gute Geburt« und bezieht sich auf die traditionelle Verwendung ihres frischen Saftes zur Einleitung von Geburten. In der Antike zur Behandlung von Beschwerden der Gebärmutter, Reptilienbissen und Kopfwunden verwendet. Die Ureinwohnern Amerikas nutzten bestimmte Aristolochia-Arten bei Schlangenbissen, Magen- und Zahnschmerzen sowie Fieber.

Medizinische Wirkung & Anwendung:

Die Osterluzei wird heute nicht mehr verwendet. Früher nutzte man sie zur Behandlung von Wunden und bei Schlangenbissen, aber auch nach einer Geburt zur Verhinderung von Infektionen. Außerdem galt sie als starke Arznei zur Einleitung der Menstruation und als Abtreibungsmittel. Abkochungen wurden verwendet, um die Heilung von Geschwüren zu beschleunigen und Asthma oder Bronchitis zu behandeln.

Forschungsergebnisse:

In China werden Aristolochia-Arten heute noch angewendet, in anderen Ländern ist die medizinische Nutzung der Pflanze wegen der Giftigkeit der Aristolochiasäure dagegen verboten.

Verwandte Arten:

Im Amazonasgebiet werden Umschläge und Aufgüsse von A. klugii bei Schlangenbissen angewendet. In Nordamerika nutzt man die Virginische Schlangenwurzel (A. serpentaria) auf ähnliche Weise; außerdem galt diese Pflanze dort als starkes Fiebermittel. A. bracteata verwendet man im Sudan bei Stichen von Skorpionen; die in Europa und Asien heimische A. rotunda wird im Iran als menstruationsförderndes Tonikum genutzt. Die chinesischen Arten A. kaempferi und A. fangchi werden bei funktionalen Lungenbeschwerden, bei Schmerzen oder bei Flüssigkeitsretention verwendet; A. indica dient als Verhütungsmittel.

Warnung:

Die Osterluzei und andere Aristo­lochia-Arten dürfen nicht mehr therapeutisch angewendet werden.

Quelle: Chevallier, Andrew. 2001, S.171

Weiße Rafohne – Achillea ptarmica – Sumpfschafgarbe, weißer Dorant

In Nieder-Roden wird traditionell die Sumpfschafgarbe gesammelt. Dies geht auf Zeiten zurück, als der Rodgau noch eine sumpfige Gegend war. Damals gab es neben den Sümpfen, in denen die Sumpfschafgarbe wuchs auch noch viele Frösche und darum auch Störche, die sich von ihnen ernähren konnten. Seit der Flurbereinigung und der großangelegten Trockenlegung sind die nassen Wiesen immer seltener geworden und mit ihnen auch Storch, Frosch und Sumpfschafgarbe.

Weiße Raffone (= Sumpfschafgarbe)
© U.Biebel

Die Sumpfschafgrabe ist selten geworden. Sie hat den Status „Vowarnstufe“ auf der Artenschutzliste. Daher bitte nicht unbedingt sammeln. Die weitaus häufigere Gemeine Schafgarbe tut es auch.

Die gemeine Schafgarbe (Achillea millefolium, s.u.) findet sich heute regelmäßig in und um Nieder-Roden. Da sie eine anerkannte Heilpflanze ist, spricht nichts dagegen, sie ersatzweise in die Würzbürden aufzunehmen. Umso mehr als die Sumpfschafgrabe schon in der Gefahr steht ganz zu verschwinden. Über die Heilwirkung der Sumpfschafgarbe selbst ist wenig bekannt. Von ihrer Verwendung als Heilkraut wird daher eher abgeraten. Sie ist auch als Nieswurz bekannt und man kann wohl entsprechend aus Blüten und Kraut Niespulver herstellen.

Wenn Sie das Original finden wollen, müssen Sie eine sumpfige Wiese kennen. Versuchen Sie es an der Lache! Auffälligster Unterschied ist die Form der Blätter. Auch sind bei der Sumpfschafgarbe die Blüten deutlich größer.

Achillea millefolium (Asteraceae) – (Gemeine) Schafgarbe

Die Schafgarbe ist eine bis zu 1 m hohe, mehrjährige Pflanze mit weißen Blütenköpfchen und fein­geteilten Blättern.

Die Schafgarbe ist eine in Europa heimische Pflanze mit einer langen Tradition als Wundheilkraut. Schon im Altertum als »Soldatenkraut« (herba militaris) bekannt, wurde sie zur Behandlung blutender Kampf­verletzungen verwendet. Man setzt sie auch als Bittertonikum und zur Herstellung von Bittergetränken aller Art ein; zudem wird sie bei Erkältungen, Grippe, Heuschnupfen, Menstruationsbeschwerden und Kreislaufstörungen verwendet.

Der Name Schafgarbe leitet sich vom althochdeutschen »garwe« ab, was »Gesundmacher« bedeutet.

Verbreitung & Anbau:

Eigentlich in Europa und Westasien heimisch, findet man die Schafgarbe heute fast überall in gemäßigten Breiten auf Wiesen und an Wegrän­dern. Die Vermehrung erfolgt durch Rhizome; die Sproßteile werden im Sommer zur Blütezeit gesammelt.

Hauptsächliche Inhaltsstoffe:

Ätherisches Öl mit unterschiedlichen Bestandteilen (Linalool, Kampfer, Sabinen, Azulen), Sesquiterpenlactone , Flavonoide, Alkaloide (Achillein), Polyine, Triterpene, Phytosterole, Gerbstoffe.

Hauptsächliche Wirkung:

Krampflösend, Adstringierend, Bittertonikum, Schweißtreibend, Blutdrucksenkend, Fiebersenkend, Stillt innere Blutungen, fördert die Menstruation, Entzündungshemmend.

Forschungsergebnisse:

Trotz der vielen Anwendungsmöglichkeiten und der Ähnlichkeit zur Echten Kamille (Chamomilla recutita) ist diese Pflanze kaum untersucht. Bekannt sind die entzündungs-hemmende Wirkung des ätherischen Öls und die anti-allergenen Eigenschaften des Azulens. Die Sesquiterpenlactone wirken gegen Tumoren; das Achillein und die Flavonoide hemmen innere und äußere Blutungen, und die Flavo­noide sind für die krampflösende Wirkung verantwortlich.

Frühere & Heutige Verwendung:

Wundheilung:

Achilles, dem die Schafgarbe ihren Gattungsnamen verdankt, soll die Pflanze zur Wundheilung genutzt haben. Sie wird seit Jahrhunderten für diesen Zweck verwendet, z.B. als Wundsalbe.

Gynäkologische Wirkung:

Die Schafgarbe unterstützt die Menstruation, lindert Schmerzen und verhindert zu starke Blutungen.

Weitere Anwendungen:

Die Schafgarbe läßt sich bei Erkältungen und Grippe anwenden. Als Bittertonikum kann sie bei Verdauungsbeschwerden und Koliken eingesetzt werden. Sie senkt den Blutdruck, verbessert die Blutzirkulation und lindert Krampfaderbeschwerden und Heuschnupfen.

Quelle: Chevallier, Andrew. 2001, S.56.

Weitere Informationen auf der Seite Waschkultur und unter heilpflanzen-welt.de

Wermut – Artemisia absinthium – Wermut, Absinth

Der Wermut ist Vielen ausschließlich als bitterer Aperitif bekannt (Martini!). Welche Heilwirkungen die darin enthaltene Pflanze hat, ist heute wenig bekannt. Der Echte Wermut findet sich auf unseren Äckern kaum noch, dafür aber umso mehr sein naher Verwandter der gemeine Beifuß. Auch er hat Heilwirkung und darf ersatzweise in den Würzstrauch hinein.

Wermut (im Klostergarten Seligenstadt), © U.Biebel

Wermut ist eine der bittersten Pflanzen – absinthium bedeutet »ohne Süße« – mit einer wohltuenden Wirkung auf das Verdauungssystem, besonders auf den Magen und die Gallenblase. Die Arznei wird in kleinen Schlucken getrunken, wobei der bittere Geschmack einen Großteil der therapeutischen Wirkung ausmacht. Die Pflanze war früher einer der wichtigsten Aromastoffe für Vermouth-Getränke.

Verbreitung & Anbau

Der Wermut ist in Europa heimisch, wo er an Wegrändern und auf Ödland wächst. Heute kommt er auch in Zentralasien und im Osten der USA wildwachsend vor; außerdem wird er weltweit in gemäßigten Regionen kultiviert. Wermut wird im Frühjahr durch Samen oder im Herbst durch Teilung der Wurzeln vermehrt. Die Sproßteile werden im Spätsommer geerntet.

wildwachsend vor; außerdem wird er weltweit in gemäßigten Regionen kultiviert. Wermut wird im Frühjahr durch Samen oder im Herbst durch Teilung der Wurzeln vermehrt. Die Sproßteile werden im Spätsommer geerntet.

Hauptsächliche Inhaltsstoffe

Ätherisches Öl mit Sesquiterpen- lactonen (Artabsin, Anabsinthin), Thujon, Azulen, Flavonoide, Phenolcarbonsäuren, Lignane

Hauptsächliche Wirkung

Aromatisches Bittermittel, regt Gallensekretion an, entzündungshemmend, Wurmmittel, lindert Magenschmerzen, mildes Antidepressivum.

Forschungsergebnisse:

Bitteres Heilkraut:

Um 1970 durchgeführte Untersuchungen bestätigten, daß verschiedene Bestandteile der Pflanze zu ihrer therapeutischen Wirkung beitragen. Viele sind so bitter, daß sie die Bitterrezeptoren der Geschmacksknospen auf der Zunge aktivieren, die wiederum die Sekretion bestimmten Magen- und anderer Verdauungssäfte anregen.

Weitere Anwendungen:

Nach einer Untersuchung in Pakistan (1995) hat Wermut eine leberschützende Wirkung, die auf eine Hemmung bestimmter Stoffwechselenzyme in der Leber zurückgeht.

Frühere & Heutige Verwendung

Absinth:

Aus Wermut läßt sich Absinth herstellen, ein süchtig­machendes und toxisches Getränk, das im 19. Jahrhundert in Frankreich beliebt war. Absinth, der heute ver­boten ist, enthielt als Geschmacks­stoff das an Thujon reiche ätherisches Öl des Wermut. Thujon ist ein nervenstimulierendes Mittel, das in kleinen Mengen ungefährlich ist, in größeren dagegen giftig.

Anregung der Verdauung:

Wermut ist besonders wertvoll für Menschen mit schlechter Verdauung. Er steigert die Magensäure- und Gallenproduktion und stärkt so die Verdauung und die Aufnahme von Nährstoffen. Eine regelmäßige Anwendung von Wermuttinktur lindert Blähungen, stärkt die Ver­dauung und verhilft dem Körper nach einer Krankheit wieder zu Vitalität.

Würmer:

Der Wermut ist ein traditionelles, aber nur eingeschränkt wirksames Wurmmittel.

Traditionelles Insektenvernichtungsmittel:

Wermut ist ein gutes Insektenvernichtungs- und Insektenschutzmittel.

Weitere Anwendungen:

Seine entzündungshemmende Wirkung macht ihn zu einem guten Mittel gegen Infektionen; gelegentlich wird er auch als Antidepressivum angewendet.

Rezepturen & ihre Anwendung

Warnung:

Nur unter ärztlicher Aufsicht, in kleinen Mengen, normalerweise nicht länger als 4 bis 5 Wochen und nicht während der Schwangerschaft anwenden.

Aufguß

aus Wermut und anderen Krautern als Verdauungsmittel anwenden.

Tinktur

wendet man bei Ernährungsproblemen an, z. B. Anämie.

Im Folgenden sind auch die heilsamen Wirkungen des Beifuß aufgelistet:

Artemisia vulgaris (Asteraceae) – Gemeiner Beifuß

Beschreibung:

Aromatische, bis zu l m hohe, mehrjährige Pflanze mit dunkelgrünen, stark gefiederten Blättern und zahlreichen Rispen aus kleinen rötlichen oder gelben Blütenköpfchen.

Verbreitung & Anbau:

Kommt in den gemäßigten Regionen der nördlichen Hemisphäre vor, wächst auf Ödland und in Gebüschen. Die Vermehrung erfolgt durch Teilung im Herbst und im Frühjahr. Gesammelt wird er direkt vor der Blüte im Spätsommer.

Verwendete Teile:

Blätter, Wurzel.

Inhaltsstoffe:

Enthält ätherische Öle (hauptsächlich Caryophyllene), ein Sesquiterpenlacton, Flavonoide, Cumarinderivate und Triterpene.

Geschichte & Brauchtum:

Der Beifuß wird in Europa und Asien schon sehr lange verwendet. So sollen bereits römische Zenturios ihre Sandalen damit ausgelegt haben, um die Fußsohlen gesund zu erhalten. Nach Aussage des griechischen Arztes Dioskorides galt die Göttin Artemis (der die Pflanze ihren Gattungsnamen verdankt) als diejenige, die den Frauen während der Geburt Beistand leistet. Das walisische Kräuterbuch The Physicians o’Myddfai aus dem 13. Jahrhundert empfiehlt: »Ist eine Frau außerstande, ihr Kind auf die Welt zu bringen, so binde man Beifuß an ihren linken Oberschenkel. Nach der Geburt wird er sofort entfernt, damit es nicht zu starken Blutungen kommt.« Im 18. Jahrhundert empfahl der spanische Pflanzenheilkundler Diego de Torres das Anbringen eines Beifußpflasters unterhalb des Nebels um die Geburt einzuleiten.

Auf der britischen Insel Isle of Man werden Beifußzweige bei der jährlichen Eröffnungssitzung des Parlaments, des sogenannten Court of Tynwald, getragen. Auch in China wird der Beifuß schon seit Jahrtausenden geschätzt. So ist er Hauptbestandteil von moxa, das man zur Moxibustion nutzt, einem Prozeß, bei dem eine zigarrenförmige Rolle aus getrockneten Blättern über bestimmten Akupunkturstellen angezündet wird.

Medizinische Wirkung & Anwendung:

Das verdauungsfördernde und tonisierende Kraut hat eine Vielzahl traditioneller Anwendungen. Da es milder ist als viele andere Artemisia-Arten, kann Beifuß in niedriger Dosis über längere Zeiträume genommen werden, um den Appetit anzuregen oder die Verdauungsfunktionen und die Aufnahme der Nährstoffe zu verbessern. Er ist ein Wurmmittel, steigert die Gallensekretion und gilt als mildes Mittel zur Einleitung der Periode. Der europäischen Auffassung, Beifuß sei auch ein Gebärmutterstimulans, steht die chinesische Praxis entgegen, in der er verordnet wird, um Fehlgeburten zu verhindern und Periodenblutungen zu verringern oder zum Stillstand zu bringen. Beifuß wirkt auch antiseptisch und wurde bereits bei der Behandlung von Malaria angewendet.

Warnung:

Nicht während der Schwangerschaft anwenden.

Quelle: Chevallier, Andrew. 2001, S.66 (Wermut) u. S.173 (Beifuß).

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